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Kritik der Alles-ist-Geist-Lehre ("Non-Dualismus")

Gibt es eine vom menschlichen Bewusstsein unabhängige Welt?

*** Empfehlung: Nutzen Sie die Suchfunktion Ihres Internet-Browsers! ***

Inhalt:

Warum ich mich mit dieser Lehre auseinandersetze
Ungeklärte Begriffe
Die eigenen Bewusstseinsinhalte als Ausgangspunkt
Das Experiment mit der Waage
Der unterschiedliche Gebrauch der Wörter
Das Beispiel der eigenen Mutter
Sinneswahrnehmung und Registrieren von Bewusstseinsinhalten
Die Erklärung von Wahrnehmungen durch logisch-begriffliches Denken
Die Vorhersage von Wahrnehmungen durch logisch-begriffliches Denken
Die Krähe und die Interpretationsbedürftigkeit der Sinneseindrücke
Ich existiere trotz Bewusstlosigkeit
Ist alles nur (im) Bewusstsein?
Das Gespräch der Computer
Das Problem der schleichenden Begriffsverschiebung
Behauptungen oder Metaphern?
Das Springen zwischen den Ebenen
Was ist mit "Geist" gemeint?
Was bedeutet "Existenz"?
Zur Bedeutung von Ist-Sätzen
"Alles ist Geist" als Identitätsbehauptung
Die Eliminierung des Diskussionspartners
Einzelne Kritikpunkte


Textanfang

Warum ich mich mit dieser Lehre auseinandersetze

Die intensive kritische Auseinandersetzung mit der Alles-ist-Geist-Lehre erscheint mir notwendig, weil die Folgerungen, die manche aus der Lehre ziehen, mit einem erheblichen Realitätsverlust einhergehen und irrigen Auffassungen Tür und Tor öffnet. Von ihren Anhängern wird die Lehre auch als "Non-Dualismus" bezeichnet, weil allein das Bewusstsein bzw. der Geist wirklich ist, während die "raum-zeitliche Dingwelt" nur eine abgeleitete, hypothetische Existenz besitzt.

Hier handelt es sich nicht nur um eine philosophische Spielart unter anderen, hier geht es - zumindest bei einzelnen Wortführern - um mehr. Hier sollen ausdrücklich alle Weltbilder "vernichtet" werden und das logisch-begriffliche Denken als Mittel der Erkenntnis verabschiedet werden:

So heißt es: "Erkenntnis ist hier ein ganzheitliches nonverbales lebendiges Erkennen der Wirklichkeit des eigenen Geistes, nicht aber das verbal gedankliche Erfassen von konzeptuellen Gedankenkonstruktionen (= Weltbildern). Die lebendige Erkenntnis der eigenen geistigen Wirklichkeit vernichtet jedes denkbare Weltbild."

Hier werden keine rationalen Einsichten sondern Bekehrungen angestrebt. In den Worten eines Vertreters der Geist-Lehre: "Genau an diesem Punkt betrittst Du im Geiste die Schwelle zur Selbsterkenntnis. Was Dich jetzt noch ggf. abhält, diese Schwelle jetzt auch selbst zu überschreiten, sind enorme und sehr heftige innere Zweifel, welche Dir Dein bisheriges konditioniertes und daher gewohntes Denken einredet. Dieses Gewohnheits-Denken, diese ganze Konditionierung mit aller standhaften Konsequenz zu ignorieren und dabei immer ganz hier und jetzt bei Dir selbst zu bleiben und jede gläubige Annahme zu hinterfragen und als solche zu erkennen, ist jenes 'Tun', jener innere 'Weg', welcher Dich die Schwelle überwinden lässt. Dein Ego, das objektivierte 'Ich', wird sich sträuben und winden, wird brüllen und aufschreien und es kostet enorme innere Kraft und Geduld, diese Phase zu durchschreiten und nicht wieder in die Konditionierung zurück zu fallen, die ebenfalls eine verdammt hohe geistige Mächtigkeit ist."

Und es wird mit Großartigem gelockt:
"Nie wieder wirst Du dann in den engen Käfig, den Du dann als solchen selbst lebendig erkannt hast, zurück wollen und können, denn Du hast diesen dann als einen nur für wahr und wirklich geglaubten Käfig selbst erkannt. Dann erst bist Du auf der wirklich abenteuerlichen Reise in das unendliche Abenteuerland Deines eigenen Geist. Aber nicht Du reist dann, sondern dann bist Du selbst die Reise, die niemals enden wird, da sie niemals wirklich begonnen hat ..."

Es mag überflüssig erscheinen, sich mit derart ausgefallenen Weltanschauungen auseinander zu setzen. Die eigene Position muss sich jedoch in der Argumentation gegen alle Denksysteme bewähren, die sich in den Köpfen von Menschen festgesetzt haben.

Die Philosophie darf sich nicht nur in den fachinternen Diskussionen erschöpfen, sie muss sich mit allen populären Denkströmungen kritisch befassen, die auf dem globalen Marktplatz des Internet um Anhänger werben
. Die Auseinandersetzung mit der Alles-Ist-Geist-Lehre ist exemplarisch gemeint und kann hoffentlich auch für die Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen von Nutzen sein.

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Ungeklärte Begriffe

Die rationale Auseinandersetzung mit dem Non-Dualismus wird dadurch erschwert, dass die Bedeutung zentraler Begriffe wie "Existenz", "Wirklichkeit", "Ding", "Bewusstsein", "Wahrnehmung", "Person", "Geist" oder "Materie" von dessen Vertretern nicht erläutert oder definiert werden. Umso wichtiger ist es, die Bedeutungen zu klären, die man selber mit diesen Begriffen verbindet, und darauf zu bestehen, dass der andere die Bedeutung der von ihm benutzten Begriffe ebenfalls erläutert. Ohne vorherige            Begriffsklärung ist eine rationale Auseinandersetzung nicht möglich und bleibt ein Hauen und Stechen im Nebel.

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Die eigenen Bewusstseinsinhalte als Ausgangspunkt

Ausgangspunkt der Alles-ist-Geist-Lehre ist die These, dass das einzige, was mir unmittelbar gegeben ist, das einzige, von dem ich direkte Kenntnis habe und dessen ich mir gewiss sein kann, meine eigenen Bewusstseinsinhalte hier und jetzt sind.

Unter "Bewusstseinsinhalten" wird dabei alles von mir bewusst Erlebte und Erinnerbare verstanden, also Sinneseindrücke, Wahrnehmungen, Träume, Erinnerungen, Fantasien, Gefühle, Empfindungen, Gedanken oder ähnliches.

Mein aktuelles Erleben, die Inhalte meines aktuellen Bewusstseins ("Vorstellungen") sind mir unmittelbar gegenwärtig.

Die Existenz alles Anderen beruht nach non-dualistischer Auffassung dagegen auf bloßen Vermutungen und logisch-begrifflichen Konstruktionen. Dies gilt insbesondere für die dingliche Welt, die ich mit meinen Sinnesorganen wahrnehme und die ich begrifflich beschreibe. Es gilt aber auch für vergangene Erlebnisse, denen nur über mein jetziges Erinnern eine Wirklichkeit für mich zukommt.

Die aktuellen Bewusstseinsinhalte werden deshalb als die eigentliche - und in der radikalen Fassung der Geist-Lehre sogar als die einzige - Wirklichkeit angesehen.

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"Gewissheit" des aktuellen Erlebens - ein Kategorienfehler

Diese Argumentation erscheint auf den ersten Blick zwar als ungewöhnlich aber keineswegs als unplausibel. Sie führt jedoch zu zu einigen nicht unproblematischen Schlussfolgerungen, die von der Vertretern der Allles-ist-Geist-Lehre nicht ausdrücklich thematisiert werden.

Eine Besonderheit des Non-Dualismus  besteht darin, dass "Gewissheit" hier nicht auf Erkenntnisse bezogen wird sondern auf Erlebnisse.

Von "Gewissheit" spricht man üblicherweise in Bezug auf Behauptungen und deren Verlässlichkeit. Die Formulierung: "Dies ist gewiss" drückt die Überzeugung aus, dass die gemeinte Position nicht korrigiert werden muss. "Gewissheit" beinhaltet den Ausschluss von Irrtum.

Ein Erleben kann nicht falsch oder richtig sein. Richtig oder falsch kann nur die sprachliche Interpretation dieses Erlebens sein. Sätze können wahr und falsch sein, nicht aber Farben oder Töne.

Das faktische Erleben der aktuellen Bewusstseinsinhalte durch ein Individuum enthält als solches keinerlei Erkenntnis, es gibt keine Antworten auf Fragen und es besteht somit gar nicht die Möglichkeit eines Irrtums.

Die "Gewissheit" des aktuell gegebenen Erlebens bedeutet deshalb nicht die verlässliche Beantwortung meiner Fragen, sondern es beseitigt alle Fragen durch ein Eintauchen in die Fraglosigkeit des bloßen Erlebens.

Es geht der Alles-ist-Geist-Lehre nicht um die richtige Interpretation der Sinneseindrücke zum Aufbau eines verlässlichen Weltbildes, es geht ihr nicht um Erkenntnis im Sinne einer richtigen Beantwortung von Fragen zur Beschaffenheit der Welt, sondern es geht um eine Hingabe an ein sich selbst genügendes Erleben, in dem jedes Suchen von Antworten, jedes theoretische Erkennen aufgehört hat.

Wenn ich meine Bewusstseinsinhalte in Sätze fasse, indem ich z. B. meinen aktuellen Sinneseindruck interpretiere und als Wahrnehmung sprachlich ausdrücke ("Ich sehe in der Ferne einen Baum"), kann es keine fraglose Gewissheit mehr geben, denn die Interpretation meines visuellen Sinneseindrucks als "Baum" kann falsch sein. Ebenso kann mich meine Erinnerung trügen, wenn ich mich frage, ob es so war, wie ich es erinnere. 

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Die "Wirklichkeit" der Bewusstseinsinhalte - eine unzulässige Vermischung der Ebenen

Eine zweite Besonderheit ergibt sich daraus, dass die verschiedenen Arten von Bewusstseinsinhalten grundsätzlich gleichgestellt werden, da sie in gleicher Weise für mich gegeben und unmittelbar "wirklich" sind. Die Fantasie erlebe ich in der gleichen Weise wie den Sinneseindruck.

Damit bekommt das Wort "Wirklichkeit" unter der Hand jedoch eine ungewohnte, wenn nicht sogar irreführende  Bedeutung.

Während üblicherweise dasjenige als "wirklich" bezeichnet wird, was unsere Sinnesorgane erfassen, was wir hören und sehen, werden nun auch Träume und Fantasien als "wirklich" bezeichnet: sie sind als das unmittelbar Gegebene und Erlebte die eigentliche Wirklichkeit. Das, was man gewöhnlich als "Realität" (als Ding-Welt) bezeichnet (lateinisch "res" = "Ding"), ist für die Non-Dualisten nur eine Annahme und gehört nicht zur direkt erlebten "eigentlichen" Wirklichkeit der unmittelbar gegebenen Bewusstseinsinhalte.

Hier werden zwei Ebenen des Bezuges zur Wirklichkeit vermengt, was Verwirrung stiftet. Ein Sinneseindruck ist in zweifacher Hinsicht "wirklich":

Er ist einmal ein wirklicher innerpsychischer Vorgang. In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied zum Traum, der ebenfalls wirklich zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfindet.

Ein Sinneseindruck enthält zum andern Informationen über die wirkliche Welt. Ein Beispiel: Wenn ich zu Iris und Jochen sehe und Iris verdeckt Jochen halb, so nehme ich wahr, dass Iris vor Jochen steht. Diese Information über die wirkliche Welt kann ich überprüfen. Wenn ich auf die Beiden zugehe, dann müsste ich als erstes auf Iris treffen.

Ein Traum dagegen hat als solcher keinen Informationsgehalt über die wirkliche Welt. Wenn ich nachts träume, dass mich ein Hund gebissen hat, dann werde ich morgens vergeblich nach der Bisswunde suchen und muss mich nicht um einen Verband sorgen.

Diese äußerst wichtige Unterscheidung zwischen Traum und Sinneseindruck wird durch den unüblichen Gebrauch des Wortes "wirklich" in der non-dualistischen Lehre verwischt.

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Die stillschweigende Voraussetzung der Wirklichkeit des Anderen

Für den Non-Dualisten ist das je eigene Erleben als das für jeden unmittelbar Gegebene die eigentliche Wirklichkeit. Indem der Non-Dualist dies behauptet und dafür allgemeine Geltung verlangt, wendet er sich allerdings an Andere und fordert deren Zustimmung. Damit wird die Existenz der Anderen unausgesprochen vorausgesetzt. Die Wirklichkeit anderer Menschen ist also nichts Hypothetisches und Abgeleitetes sondern wird von Anfang an vorausgesetzt.

Dies ist kein expliziter Widerspruch innerhalb der Lehre des Non-Dualismus, aber es ist ein performatorischer Widerspruch, indem den Behauptungen des Non-Dualismus durch sein eigenes Handeln die Grundlage entzogen wird. Direkt formuliert bedeutet das: Wenn eine Lehre etwas behauptet und damit deren Geltung auch für mich fordert, dann setzt sie damit meine Existenz als wirklich voraus. Dies ist ein grundlegender Einwand gegen den Non-Dualismus (wie auch gegen den Solipsismus, die Lehre, dass es nur mich und meine Bewusstseinsinhalte gibt, von lateinisch "solo ipse": "allein ich selbst").

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Die Begründung des Non-Dualismus geht von der "Ich-Perspektive" und vom eigenen subjektiven Erleben aus.

Damit hat aber jedes Individuum seinen eigenen Ausgangspunkt und damit seine je eigene Wirklichkeit, denn direkt zugänglich sind jedem Menschen nur seine eigenen Bewusstseinsinhalte und nicht die eines anderen. Diese Perspektive führt gewöhnlich in den Solipsismus. Die non-dualistische Lehre vermeidet diese Konsequenz jedoch durch eine Reihe von ungewöhnlichen und nicht immer nachvollziehbaren Gedankenschritten, in denen die Personen, das Ich und das Du, aufgelöst werden.

Die Beseitigung des selbständigen Individuums und seiner Ich-Perspektive geschieht zum einen über die These, dass die eigentliche Wirklichkeit die Bewusstseinsinhalte sind, während die Welt der körperlichen Dinge nur eine indirekte, scheinhafte Wirklichkeit darstellt.

Dies gelte nun auch für das Individuum selber. Die Begründung dafür besteht darin, dass auch das Individuum sich selber als Körper nicht unmittelbar gegeben ist. Der eigene Körper gehört als Objekt der Wahrnehmung so wie die anderen körperlichen Dinge nicht zum unmittelbar Gegebenen und erhält nur über das Bewusstsein eine indirekte Wirklichkeit.

Damit gibt es als eigentlich Wirkliches nur noch das Bewusstsein, also etwas Geistiges und es gibt nur noch das Subjekt mit seinen "Wahrnehmungen", jedoch keine davon zu unterscheidenden Gegenstände der Wahrnehmung mehr.

In einem nächsten Schritt verschwindet dann auch das individuelle Subjekt.

Zur Begründung wird angegeben, dass das wahrnehmende Subjekt sich nicht selber wahrnehmen kann. Denn dann würde es zum Objekt. Dies wäre aber ein Widerspruch in sich selbst, denn ein Subjekt kann kein Objekt sein. Dies wird in der Metapher ausgedrückt: "Das Auge kann sich nicht selber sehen".

Damit ist kein Träger der Wahrnehmung bzw. der Bewusstseinsinhalte mehr zu erkennen, es gibt nur nur noch Bewusstsein oder Geist, wie auch formuliert wird. Die Unterscheidung zwischen dem Träger der Wahrnehmungen, dem Inhalt der Wahrnehmung und den Objekten der Wahrnehmung wird aufgehoben in das monistische (oder non-dualistische) "Alles-ist-eins" und "Alles-ist-Geist".

Als weitere Konsequenz verschwinden damit auch die Unterschiede zwischen den Individuen, da es sie als Träger von Wahrnehmung nicht mehr gibt.

Mit dem Ich=Du=Alles sind der Fantasie dann keine Grenzen mehr gesetzt und kindliche Allmachts-Fantasien und magisches Denken gewinnen Raum, wie die anfangs zitierten Texte zeigen.

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Das Experiment mit der Waage

Eine der zentralen Thesen der non-dualistischen Geistlehre lautet:
    "Die Dinge existieren nicht unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung."

Um diese These zu überprüfen, entwerfen wir eine möglichst einfache Versuchsanordnung.
Wir benötigen dazu eine Balkenwaage mit zwei Waagschalen, Gewichte, ein Buch und ein großes Stück Pappe. Damit gehen wir in einen Raum, wo wir allein sind und schließen die Tür ab, sodass niemand hereinkommen kann.

In die linke Waagschale legen wir das Buch. In die rechte Waagschale legen wir Gewichte, die genauso schwer sind wie das Buch, sodass sich der Balken in der Waagerechten befinden und somit ein Gleichgewicht besteht

Nun stellen wir die Pappe so auf, dass die Waagschale mit dem Buch von der Pappe verdeckt wird.

Wir stellen fest, dass sich dadurch an der waagerechten Stellung der Waagschalen nichts ändert und das Gleichgewicht fortbesteht.

Da wir dafür gesorgt haben, dass nichts anderes eine Kraft auf die linke Waagschale ausüben kann, muss es das Buch sein, das weiterhin in der linken Waagschale liegt und durch sein Gewicht den Balken in der Waagerechten hält. Auch das aktuell nicht Wahrnehmbare, das nicht gesehene Buch, wirkt also und ist buchstäblich "wirklich".

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Nur dann, wenn man auf jegliche Erklärung des Wahrgenommenen verzichtet und das Geschehen interesselos und passiv erlebt, mag die folgende These des Non-Dualisten akzeptabel sein:
    "Wirklich sind die sinnlichen Eindrücke. Dass diese auf ein objektives Ding zurückgehen, ist eine Annahme."
Sowie man Fragen stellt, erscheint diese These als unangemessen, denn sie enthält dem hinter der Pappe verborgenen Buch in der linken Waagschale das Prädikat "wirklich" vor, obwohl es zweifellos ebenso "wirkt" wie das sichtbare Gewicht in der rechten Waagschale.

Damit wird - vom non-dualistischen Diskussionspartner meist nicht bemerkt - der übliche Begriff des "Wirklichen" aufgegeben.

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Der unterschiedliche Gebrauch der Wörter:

Was die Auseinandersetzung mit dem Non-Dualismus so schwierig macht, ist der Umstand, dass nicht ein anderes Weltgeschehen behauptet wird – da kann man völlig gleicher Ansicht sein - , sondern dass dies Geschehen nur anders benannt und interpretiert wird.

Der Non-Dualist behauptet: "
Es gibt keine Dinge 'an-sich'. 'Dinge' sind gedanklich objektivierte geistige Wahrnehmungen - ausschließlich hier und jetzt. Du objektivierst nur Deine Wahrnehmungen. Es gibt keine Objekte."

Dagegen sage ich: "Ich nehme Objekte wahr. ("Ich sehe die Eiche." "Ich höre Deine Stimme." "Ich rieche den Braten." ) Also gibt es Objekte."

Wer hat nun von uns beiden recht?

An der Erfahrung, also empirisch lässt sich unser Streit nicht entscheiden. Denn wenn ich dem Non-Dualisten den Baum zeige, den ich sehe, dann sagt er:

" Den sehe ich natürlich auch, aber er ist nur eine Wahrnehmung, kein real existierendes Objekt."

Wie lässt sich unser Streit aber dann entscheiden?

Meines Erachtens geht das recht einfach: Die Frage ist, welche Sprechweise zweckmäßiger ist.

Ich halte es für sinnvoll, zwischen einem Hund und der Wahrnehmung eines Hundes sprachlich zu differenzieren.

Das Sprechen von real existierenden Dingen hat z. B. den Vorteil, dass die Wahrnehmungen mehrerer Individuen zusammengefügt und gemeinsam benutzt werden können, da sie sich auf dasselbe reale Ding beziehen.

Wenn ich nicht zwischen der Wahrnehmung eines Gegenstands und dem Gegenstand selber unterscheide, muss ich offen lassen, ob z. B. der Hund auch dann da ist, wenn ich in die andere Richtung blicke.

Streng genommen kann ich nicht fragen: "Ist der Hund noch da?"

Und kein anderer kann mir sagen: "Ja, der Hund ist noch da. Ich kann ihn ganz deutlich sehen."

Denn es gibt für den Non-Dualisten nicht das Objekt, das wir beide als dasselbe bezeichnen und wahrnehmen. Es gibt nur meine Wahrnehmung und seine Wahrnehmung.

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Das Beispiel der eigenen Mutter

Eine der zentralen Thesen der non-dualistischen Geistlehre lautet:

"Es gibt keine vom Bewusstsein unabhängige Welt."


Wenn ich mich frage: "Gibt es etwas oder jemanden, dessen Dasein von meinem Bewusstsein unabhängig da ist?", so fällt mir als Antwort ein:
"Ja, meine Mutter. Sie erinnert sich noch an meine Geburt und an die Zeit davor, als es mich noch nicht gab.
Da mein Bewusstsein erst zusammen mit mir entstanden ist, als meine Mutter bereits da war, muss das Dasein meiner Mutter unabhängig von meinem Bewusstsein sein
."

Entsprechendes gilt nun für jeden Menschen.

Wenn man die Kette der Generationen immer weiter zurückgeht, kommt man schließlich dazu, dass das Dasein unserer affenähnlichen stammesgeschichtlichen Vorfahren unabhängig vom menschlichen Bewusstsein ist, das erst später mit der Herausbildung des 'homo sapiens' entstand.

Demnach hat es etwas gegeben, das unabhängig von jeglichem menschlichen Bewusstsein da gewesen ist. Der Mensch und sein Bewusstsein ist - verglichen mit dem Alter der Erde - eine relativ späte Erscheinung in dieser Welt."

***

Soweit mein Argument. Hieran schloss sich nun die folgende Diskussion an:

J: Wenn Du ehrlich bist, musst Du doch zumindest zugeben und Dir selbst eingestehen, dass deine Aussage (" Meine Mutter gab es unabhängig von meinem Bewusstsein" ) zunächst einmal nichts anderes als eine reine 'Glaubensaussage' ist, die durch absolut gar nichts außer durch Annahmen belegt ist.

E: Diese Aussage halte ich für wahr, weil sie durch die übereinstimmende Erinnerung aller Verwandten und Bekannten, die älter sind als ich, bestätigt wird und weil sie zusätzlich durch zahllose Indizien wie alte Fotos, Briefe etc. bestätigt wird.

J: Deiner Aussage liegt keine authentische bewusst erlebte Wahrnehmung zugrunde, sondern nur gläubige Annahmen, die miteinander nach einer bestimmten Matrix (z. B. raumzeitlicher Logik) verknüpft werden und auf keine authentisch erlebte Wirklichkeit mehr verweisen.

E: Eine Aussage kann und soll nicht mehr als wahr sein. Es bedarf dazu einer stichhaltigen Begründung. Sie benötigt dazu jedoch keineswegs irgendwelche höheren Weihen als 'authentisch erlebte Wirklichkeit'. Der Satz: 'Ich sehe jetzt vor mir einen Monitor' ist nicht mehr und nicht weniger wahr als der Satz: 'Meine Mutter gab es schon, als es mich noch nicht gab'.

J: Verwandte, Bekannte, Fotos, Briefe usw. sind nichts anderes als das Bewusstsein von ihnen.

E: Diese Gleichsetzung ist falsch. Ich habe schon mehrfach meinen Onkel per Handschlag begrüßt, habe aber noch nie dem Bewusstsein von ihm die Hand gegeben. Ich habe schon mehrfach Briefe in den Briefkasten geworfen, aber noch nie das Bewusstsein von einem Brief in den Briefkasten geworfen.

Als ich klein war, hat mein Vater gesagt: "Was Du dort siehst, ist ein Hubschrauber" und hat dabei auf ein Flugzeug ohne Flügel gezeigt. Er hat nicht gesagt: "Was Du dort siehst, ist das Bewusstsein von einem Hubschrauber." Ich habe zwar schon Hubschrauber gesehen, aber noch kein Bewusstsein von einem Hubschrauber.

(Das Bewusstsein von einem Hubschrauber kann ich allerdings introspektiv "vor meinem inneren Auge" als Bewusstseinsinhalt erzeugen, indem ich mich an früher gesehene Hubschrauber erinnere.)

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Sinneswahrnehmung und Wahrnehmung von Bewusstseinsinhalten

Oben war dargelegt worden, dass die Wirklichkeit eines Sinneseindrucks eine andere ist als die eines Traumes, auch wenn beides wirkliche psychische Phänomene sind. In diesem Zusammenhang ist auch die folgende Unterscheidung von Bedeutung: "Sehen" (d. h. mit den Augen wahrnehmen) ist etwas anderes als "einen visuellen Bewusstseinsinhalt registrieren" (z. B. indem man einen früheren visuellen Sinneseindruck erinnert oder indem man Bilder fantasiert).

Dies zeigt sich schon daran, dass das introspektive Registrieren von visuellen Bewusstseinsinhalten mit geschlossenen Augen möglich ist und das Sehen nicht.

Zwar wird immer, wenn ich etwas sehe, in meinem Bewusstsein ein entsprechender visueller Inhalt - ein Bild - erzeugt, aber nicht immer, wenn in meinem Bewusstsein ein Bild erzeugt wird, beruht dies auf einer aktuellen Sinneswahrnehmung durch den Gebrauch meiner Augen.

Die Unterscheidung zwischen einer Sinneseindruck und dem anderweitigen Erzeugen eines Bewusstseinsinhaltes ist nötig, um den unterschiedlichen Bezug zur Wirklichkeit zu erfassen. Bei der Sinneswahrnehmung werden die sensorischen Nervenzellen durch Einwirkungen der wahrgenommenen Objekte gereizt: Lichtstrahlen treffen auf die Netzhaut des Auges oder Schallwellen treffen das Trommelfell des Ohres.

Bei Bewusstseinsinhalten, die nicht durch aktuelle Sinneswahrnehmungen hervorgerufen werden, liegt die Ursache ihres Auftauchens nicht in der wirklichen Außenwelt (womit ich alles meine, was außerhalb meines Körpers existiert), sondern vor allem in Vorgängen im eigenen Gehirn.

Nur Sinneswahrnehmungen (worunter ich "sprachlich interpretierte Sinneseindrücke" verstehe) enthalten Informationen über die Beschaffenheit der Außenwelt.

Verwirrung wird dadurch erzeugt, dass man sowohl bei der Verarbeitung von Reizungen der Sinnesorgane als auch beim Registrieren von Bewusstseinsinhalten von "Wahrnehmung" spricht.

Auch in Bezug auf das Registrieren der eigenen Fantasien spricht man gelegentlich von "Wahrnehmung", obwohl es sich dabei um etwas ganz anderes handelt als bei der Sinneswahrnehmung. Denn durch bewusstes Registrieren und Merken meiner Fantasien, Erinnerungen oder Träume kann ich keine Informationen über die Beschaffenheit der Außenwelt gewinnen, sondern höchstens über die Beschaffenheit meiner eigenen Fantasien, Erinnerungen oder Träume. Man sollte deshalb bei der Benutzung des Wortes "Wahrnehmung" stets klarstellen, ob man damit die Sinneswahrnehmung meint oder das Registrieren von Bewusstseinsinhalten.

Da die Außenwelt der Individuen dieselbe ist, können Sinneswahrnehmungen verschiedener Individuen übereinstimmen, wodurch die Grundlage für allgemeingültige Aussagen über die Beschaffenheit der Welt gegeben ist.

(Kompliziert wird die Angelegenheit dadurch, dass jedes Individuum von sich sowohl eine introspektive Innenwahrnehmung hat, als auch eine Außenwahrnehmung über die Sinnesorgane: Ich sehe, wie die Ärztin die Nadel der Spritze in meinen Arm sticht und ich spüre zugleich einen Schmerz. Das Einstechen der Nadel können auch andere sehen, den Schmerz spüre nur ich.)

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Die Erklärung von Sinneswahrnehmungen durch logisch-begriffliches Denken

Eine zentrale Aussage der Alles-ist-Geist-Lehre lautet: "Die Welt ist mir nur über meine Wahrnehmungen zugänglich."

Der Strom der Sinneseindrücke erzeugt jedoch noch kein Bild der Welt, das ein informiertes Handeln erlaubt. (Dies gilt auch dann, wenn die Sinneseindrücke sprachlich interpretiert wurden und damit zu Wahrnehmungen im engeren Sinne werden, die andern mitgeteilt werden können und über die ein Konsens hergestellt werden kann.)

Wenn ich erklären will, warum ich bestimmte Sinneswahrnehmungen habe, muss ich Begriffe bilden und Annahmen machen, die über diese Wahrnehmungen hinausgehen.

***

Das Beispiel des Einbruchs

Ich komme nach Hause, mache die Wohnungstür auf und sehe, dass alles durchwühlt ist.

In einer solchen Situation drängen sich Fragen auf und es entsteht die Notwendigkeit zu handeln: Ich frage mich, wie es dazu kommen konnte, ich suche nach einer Erklärung für diesen wahrgenommenen Zustand, muss auf den Vorfall irgendwie reagieren.

Ich gehe verschiedene Möglichkeiten einer Erklärung durch und komme zu dem Schluss, dass höchst wahrscheinlich eingebrochen wurde.

Ich suche nach Indizien, die mir Aufschluss darüber geben können, was hier passiert ist. Tatsächlich finden sich an der Tür Spuren einer gewaltsamen Öffnung. 

Die Alles-ist-Geist-Lehre bietet aus sich heraus keine Möglichkeit zu einem ursächlichen Verständnis der Wahrnehmungen. Die erlebte Welt wird von der Erklärung des Erlebten völlig getrennt. Obwohl ich den Einbrecher nie gesehen habe und vielleicht nie sehen werde, ist er aber genauso real wie die Wohnungstür, die ich vor mir sehe, denn einen Einbruch ohne Einbrecher gibt es nicht.


Wahrnehmungen und deren Erklärungen bilden deshalb erst zusammen die wirkliche Welt. Die wirksamen Faktoren sind Teil der Wirklichkeit, auch wenn sie nicht direkt und aktuell wahrgenommen werden können.

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Die Vorhersage von Sinneswahrnehmungen durch logisch-begriffliches Denken

Auch die aktive Gestaltung der Zukunft - und damit zugleich die Gestaltung meiner zukünftigen Sinneswahrnehmungen - wird von der Alles-ist-Geist-Lehre nicht thematisiert.

Zum Beispiel kann ich durch das Konservieren von Nahrungsmitteln vermeiden, dass ich im nächsten Winter verhungere. Dazu benötige ich Kenntnisse von der Art: "Wenn ich dies Stück Fleisch in Salz lagere, dann ist es nach 5 Monaten noch genießbar und nicht verfault."

Diese Kenntnisse kann mir der Strom meiner Bewusstseinsinhalte als solcher nicht geben. Eine Reihe von intellektuellen Leistungen ist dazu erforderlich:

1. Ich muss zwischen den verschiedenen Arten von Bewusstseinsinhalten unterscheiden (Ist das jetzt geträumt oder wahrgenommen? etc.)

2. Ich muss bestimmte (mit sich selbst identische) Objekte identifizieren und mit einem Namen versehen: Diese Konstellation aus Linien und Farben ist 'mein Ball'. Es ist derselbe Ball, obwohl er mal ganz klein und mal ganz groß erscheint, mal strahlend farbig und mal dunkel, mal warm und mal kalt ist.

3. Ich muss Klassen von gleichartigen Objekten bilden und benennen und gegen andersartige Objekte abgrenzen (z. B. "Fleisch, das in Salz gelagert worden ist, nenne ich Pökelfleisch." )

Aus dem Strom der Bewusstseinsinhalte allein ergibt sich noch nicht das begriffliche Raster zur Erfassung und Beschreibung meiner Sinneseindrücke, denn das begriffliche Raster (etwa wie viele Arten von Schnee eine Sprache begrifflich unterscheidet) hängt von der Lebenspraxis ab, in der diese Begriffe verwendet werden. Jeder Begriff abstrahiert in irgendeiner Weise von der Mannigfaltigkeit der Sinneseindrücke. Keine Katze gleicht völlig der anderen.

4. Ich muss Annahmen über zukünftige Wahrnehmungen machen, die ich aus beobachteten Regelmäßigkeiten ableite ( "Pökelfleisch hat die Eigenschaft, dass es mehr als 5 Monate genießbar bleibt." )

Allgemein formulierte empirische Regelmäßigkeiten ("Wenn x y z, dann a" ) beziehen sich nicht nur auf die wahrgenommene Welt sondern auch auf die zukünftige Welt. Dies ist auch notwendig, wenn ich die Folgen meiner Handlungen berücksichtigen will, denn diese Folgen liegen immer in der Zukunft.

Mit der Formulierung empirischer Regelmäßigkeiten auch für die Zukunft entsteht die Möglichkiet, dass die vorgestellte Welt und die wirkliche Welt auseinander fallen. Es kann deshalb Irrtum und enttäuschte Erwartungen geben, wenn die erwarteten Folgen nicht eintreten. Damit wird die Korrektur
meiner bisherigen Vorstellungen von der Welt erforderlich.

Ich kann natürlich auf die Realitätsbewältigung durch informiertes, zielgerichtetes Handeln verzichten. Dann benötige ich keine Kenntnis von empirischen Regelmäßigkeiten, dann benötige ich auch nicht die Unterscheidung zwischen "wahren" und "falschen" Aussagen über die Welt, dann ist jeder Bewusstseinsinhalt gleich "wirklich" oder "unwirklich", mein Flug im Drogenrausch ebenso wie der leere Kontoauszug.

Fazit:
Der Strom der Bewusstseinsinhalte allein bietet keinen Ansatz zu einem aktiven Eingreifen und zu einer gezielten Gestaltung der Wirklichkeit. Aus dieser Perspektive gibt es nur ein passives Erleben der Welt.

Mit dem Eintauchen in die Fraglosigkeit des eigenen Erlebens verbindet sich beim Non-Dualisten unbemerkt eine Einstellung zur Welt, die geprägt ist durch das passive Erleben der Bewusstseinsinhalte. Der Mensch als erkennendes, wertendes, wollendes und handelndes Wesen wird weitgehend ausgeblendet.

Es wird nicht nach Ursachen und Folgen, nach Wahrheit oder Irrtum gefragt. Es werden keine Anstrengungen zur wissenschaftlichen Deutung, Ordnung und Systematisierung der Sinneseindrücke gemacht, um ein zuverlässiges, handlungsorientierendes Weltbild aufzubauen.

Ebenso wenig wird nach Glück oder Unglück, Nutzen oder Schaden, gut oder schlecht gefragt, um die eigenen Ziele zu klären und entsprechend zu handeln.

Beides würde sich nach nondualistischer Auffassung auf eine Welt beziehen, die ihre Wirklichkeit nur indirekt über die Wahrnehmung erhält, und würde vom Erleben, der eigentlichen Wirklichkeit, ablenken.


(Um diesen Mangel zu kompensieren besteht bei manchen Anhängern der Geist-Lehre die Tendenz zu magischem Denken, also der Vorstellung, mittels Gedanken und erweitertem Bewusstsein den Lauf der Dinge gemäß dem eigenen Willen beeinflussen zu können.)

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Nun könnte ein umsichtiger Vertreter der Geist-Lehre die logisch-begriffliche Analyse der Welt akzeptieren und für vereinbar mit der Geist-Lehre halten. Dann bleiben jedoch weiterhin Probleme. 

Zum einen ist bemerkenswert, dass sich seine Welt in ihren empirischen Details in nichts von meiner Welt unterscheiden muss. Wenn doch, so müsste sich eine entsprechende Versuchsanordnung denken lassen, bei der seine Position empirisch scheitern könnte. Dies ist offensichtlich nicht der Fall. Daraus folgt: Seine Position enthält keinerlei zusätzliche Informationen über die Beschaffenheit der Welt.

Aus der logisch-begrifflichen Interpretation und Ordnung der Sinneseindrücke ergibt sich ein weiteres Problem für die nondualistische Position. Wenn er die Regelmäßigkeiten in seinen Wahrnehmungen durch allgemeine Aussagen ausdrückt wie z. B. "Granit ist sehr hart und frostbeständig und löst sich durch die Witterung nicht auf", dann folgt daraus logisch, dass der Grabstein aus Granit auch dann auf dem Friedhof ist, wenn niemand ihn nachts sieht. Das heißt, dass auch nach Annahmen des Non-Dualisten der Grabstein unabhängig von jeglichem Bewusstsein existiert.
Er kann nicht einerseits annehmen, dass Granit äußerst dauerhaft ist und andererseits offen lassen, ob er auch da ist, wenn nachts niemand den Stein wahrnimmt.

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Die Krähe und die Interpretationsbedürftigkeit von Sinneseindrücken

Angenommen ich habe den Begriff "Krähe" gebildet, den ich in bestimmter Weise definiere. Die regelmäßigen Eigenschaften von Krähen (Größe, Farbe des Gefieders, Art der Laute, Verhalten gegenüber Menschen etc. ) habe ich erforscht. Dazu gehört der Satz: "Wenn ein Mensch sich einer Krähe auf weniger als 10 Metern nähert, dann fliegt sie auf."

Ich gehe auf die Wiese und sehe auf einem Pfahl eine Krähe. ... Oder ist es keine Krähe, sondern ein Bussard?

Ich gehe näher heran und sehe den kräftigen geraden Schnabel. Also kann es kein Bussard sein. Das glänzende schwarze Gefieder gehört eindeutig zu einer Saatkrähe. ... Hm, ich gehe immer näher heran, aber der Vogel bleibt immer noch sitzen.

Ich bin jetzt ca. 8 Meter entfernt und der Vogel rührt sich nicht. Sind Krähen doch weniger menschenscheu als ich bisher annahm? ... Aber ist das, was ich da sehe, überhaupt eine Krähe? Dem Aussehen nach sicherlich. ... Seltsam. Sie sitzt so still und wie unbeteiligt da. Ich komme noch näher: Und sehe genauer die Augen des Vogels: Ja, das ist eine Krähe - ... aber eine ausgestopfte!! Da hat sich jemand einen Scherz mit mir erlaubt.

Kann man in diesem Fall sagen: "Die reale Welt IST die wahrgenommene Welt, denn keine andere könntest du je erleben, sie ist deine Realität. Aber warum solltest du dir überhaupt eine Vorstellung von der wirklichen Welt machen? Sie ist dir doch hier und jetzt gegeben, warum noch etwas davor-stellen?"

Mein Einwand gegen diese Auffassung lautet:

Mit dem bloßen Sinneseindruck ist uns die wirkliche Welt noch nicht gegeben, insbesondere nicht die zukünftige Welt.
Unsere Sinneseindrücke sind in hohem Maße interpretationsbedürftig, sie stellen keine fertige Wahrnehmung dar, die das Handeln anleiten kann.

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Ich existiere trotz Bewusstlosigkeit

Zwar ist alles, was ich denke, mein Bewusstseinsinhalt, aber ich kann auch denken, dass ich in bestimmten Situationen kein Bewusstsein besitze, z. B. in der Vollnarkose bei meiner Nasenoperation oder nach einem schweren Schlag gegen den Kopf, der mich bewusstlos werden lässt. Diese Aussagen können wahr sein.

Ich kann also die richtige Annahme machen, dass es Situationen gibt, in denen ich existiere und in denen ich über kein Bewusstsein verfüge. Zum Zeitpunkt meiner Bewusstlosigkeit existiere ich weiter – unabhängig davon, ob ich bei Bewusstsein bin oder nicht. Auch dieser Satz kann wahr sein.

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Ist alles nur (im) Bewusstsein?

In gewisser Weise ja: Immer, wenn ich meinte, etwas gefunden zu  haben, das unabhängig von meinem Bewusstsein existiert (meine Mutter vor meiner Geburt, ich in Vollnarkose) oder etwas das unabhängig von jedwedem Bewusstsein existiert (die Erde vor homo sapiens, das AIDS-Virus vor seiner Entdeckung, der einsame Grabstein nachts auf dem Friedhof), und es dem Anhänger der Alles-ist-Geist-Lehre präsentierte, konnte er stets sagen: "Und damit existieren diese Dinge wiederum als Inhalte unseres Bewusstseins."

Er hat also immer die Ebene, auf der ich gerade mühsam zwischen Bewusstseinsphänomenen und Phänomenen anderer Art unterschieden hatte, verlassen und hat stattdessen von einer Metaebene aus beides wieder unterschiedslos als (im?) Bewusstsein identifiziert.

Ist dies Vorgehen methodisch in Ordnung? Es ist anscheinend nicht ohne Probleme, wenn einer gewissermaßen der Igel ist und immer sagen kann: "Ick bün allhier!"

Die Schwachstelle in seiner Position wurde mir klar, als ein Bekannter kürzlich die These vertrat: "Alles sind Satzinhalte". Als ich zu ihm sagte: "Der Tisch hier ist aber kein Satzinhalt" entgegnete er: "Auch der Tisch ist ein Satzinhalt, das hast Du ja gerade selber demonstriert." Ich nannte ihm noch vieles, aber er behielt in jedem Fall Recht ....

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Wenn wir Wesen wären, deren einzige Informationsquelle die Bilder eines Monitors sind, dann folgt daraus nicht, dass das Monitorbild nicht etwas davon Verschiedenes, was also kein Monitor ist, wiedergibt.

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Das Gespräch der Computer

Heute hörte ich, wie sich ein PC und ein Laptop darüber stritten, ob die Dinge, deren Bilder sie mit Hilfe ihrer digitalen Kameras auf ihren Bildschirmen erzeugten, unabhängig von ihrem eigenen Funktionieren als Computer existieren oder ob diese Dinge nichts anderes als binäre Datenströme sind. 

Der PC meinte: "Was auch immer für Bilder bzw. Dinge auf meinem Bildschirm erscheinen, wenn ich mit meiner Kamera aufnehme: Ich habe immer nur den binären Datenstrom von den optischen Sensoren meiner Kamera und keine unabhängig von mir existierenden Dinge. Alles ist binärer Datenstrom."  

Der andere Computer, ein schmaler Laptop, meinte: "Dagegen ist schwerlich etwas einzuwenden. Aber was ist mit der Steckdose dort, wo Dein Stromkabel drin steckt? Gibt es diese Steckdose unabhängig von unseren Datenströmen? Was ist, wenn der kleine Junge, der da krabbelt, deinen Stecker rauszieht?"

Der PC blieb dabei: "Auch das Rausziehen ist binärer Datenstr..."

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Das Problem der schleichenden Begriffsverschiebung

Den Kern der Geist-Lehre findet man in Sätzen wie: "Es gibt keine 'Dinge', die aus sich selbst heraus und für sich selbst 'existieren'. 'Dinge' sind nichts anderes als Bewusstsein, ihre Wahrnehmung hier und jetzt." Oder: "Die raumzeitliche Welt existiert 'nur' im bzw. als eigener Geist, der DU hier und jetzt selbst bist."

An diesen Aussagen wird eine Besonderheit der Lehre deutlich, der stillschweigende Übergang:
- von der persönlichen Wahrnehmung eines Objektes (" Ich sehe meine Hand" )
 - über eine subjektlose Wahrnehmung (" Die Hand ist Wahrgenommenes", "Ich bin Wahrnehmung. Du bist Wahrnehmung. Ich = Du" )
- zu einer Art Grundsubstanz oder Wesen von allem, dem "absoluten Bewusstsein" oder "Geist" (" Die Welt ist Geist" ).

Besonders der Übergang von Sätzen wie: "Ich nehme meine Hand wahr" zu dem Satz "Ich BIN Wahrnehmung" macht Probleme. Diese Ist-Sätze und ihre Varianten (" Ich bin …", "Du bist …", "Er, sie, es ist ...", "Die Dinge sind …" ) erfreuen sich bei den Vertretern der Alles-ist-Geist-Lehre offenbar besonderer Beliebtheit.

Wenn man verwirrt durch diese Gleichsetzungen nach Definitionen und nach einer Erläuterung zentraler Begriffe fragt wie 'Wirklichkeit', 'Wahrheit', 'Existenz', 'Wesen', 'Ding', 'Geist' oder 'Materie', so wird dies in der Regel für methodisch nicht möglich erklärt und abgewehrt.

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 Behauptungen oder Metaphern?

Der erkenntnistheoretische Status der Geist-Lehre bleibt grundsätzlich vage. Man weigert sich, die eigenen Aussagen als Behauptungen aufzufassen, die sich begründen oder widerlegen lassen. Stattdessen wird auf die Gewissheit einer "lebendig" erlebten Wirklichkeit verwiesen.  Sie ermögliche eine Erkenntnis, die sich nicht in Worte fassen lasse. Insofern versteht sich die Lehre eher als Anweisung für ein Selbstexperiment, dessen Resultat in einer vollkommen gewissen Erkenntnis besteht.

Man wird aufgefordert, sich nachhaltig zu fragen und in sich hineinhorchen. Dann werde sich ein eigenes lebendiges Erkennen einstellen mit einem aufleuchtenden Aha-Effekt, wo man auf einmal versteht und erkennt, was man zuvor völlig übersehen hat.

D
iese Argumentationsstrategie hat zur Folge, dass der Schwarze Peter jetzt beim Kritiker der Alles-ist-Geist-Lehre liegt: Wenn sich der beschriebene Aha-Effekt beim Kritiker nicht einstellt, kann es nun daran liegen, dass dieser nicht nachhaltig genug gefragt hat oder dass er nicht tief genug in sich hineingehorcht hat.

Wenn d
er "Beweis" für die Lehre ein Erleben ist, das sich nicht in Worte fassen lässt, so sollte bedacht werden, dass das gefühlsgetönte Erleben nichts Dauerhaftes ist, dass das Hochgefühl einem elenden Katzenjammer Platz machen kann. Aber das kann innerhalb der Lehre schon gar nicht mehr gedacht werden: Was sind schon begründete Zweifel (als bloße "theoretisch-gedankliche Konstruktionen" ) gegen ein starkes Erlebnis?

Gegenüber Sätzen, die wissenschaftlich oder durch Alltagserfahrung auf das Beste bestätigt sind (wie z. B. "Meine Mutter hat vor mir existiert" ), wird eine Haltung des radikalen Zweifels eingenommen, für die (in geschwollener Rede) nur pauschale Gründe gegeben werden.
(wie z. B.: "Deiner Aussage liegt keine authentische bewusst erlebte Wahrnehmung zugrunde, sondern nur gläubige Annahmen, die miteinander nach einer bestimmten Matrix (z. B. raumzeitlicher Logik) verknüpft werden und auf keine authentisch erlebte Wirklichkeit mehr verweisen."

Gleichzeitig wird aber von den Vertretern der Geist-Lehre die Internet-Technologie, die auf hochkomplexen Theorien aufbaut, ganz selbstverständlich in Anspruch genommen.

So bleiben nur elementarste Gewissheiten übrig wie "Ich bin" oder "Ich nehme bewusst wahr", die dann Schritt für Schritt umformuliert werden bis hin zu Sätzen wie: "Alles ist Bewusstsein".

Demnach darf man einzig und allein von einer "authentisch bewusst erlebten Wahrnehmung" hier und  jetzt ausgehen.

Jenseits dieses vermeintlichen Königsweges der Erkenntnis in Form des aktuellen  Erlebens gibt es nur ungewisse Glaubensinhalte und theoretische Konstruktionen.

Mit einer solchen Argumentationsstrategie sind auf einen Schlag fast alle möglichen Gegenargumente, seien es Resultate der Erfahrungswissenschaften oder Ergebnisse logischer Schlussfolgerungen, entwertet.

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                                                                                  Das Springen zwischen den Ebenen

Unklar ist in der Geist-Lehre der Status der Realität, der Welt der Dinge.

Einerseits wird betont, dass die Annahme von Dingen, die unabhängig von Wahrnehmungen da sind, "Illusionen" sind.  Die "raumzeitliche Welt" ist real nur eine "gedachte Welt" im Geiste, und existiert nicht jenseits des Geistes. Weltbilder sind nur eingeübte Gewohnheiten des Denkens. Es heißt kühn - oder besser halsbrecherisch: "Erkenne Existenz und Nichtexistenz als identisch. Erkenne, dass die Zeit selbst, quasi als 'Ding an sich' betrachtet, keine Dauer hat. Erkenne, dass der Raum selbst, quasi als 'Ding an sich' betrachtet, keine Ausdehnung hat."

Andererseits stellen "normalsinnige" Sätze wie "Ich sehe meine Hand", "Ich sehe vor mir den Kölner Dom" oder "Ich muss zur Arbeit 20 Minuten fahren" angeblich kein Problem dar. Der Aufbau eines Weltbildes bzw. eines gedanklichen Modells zur Erklärung und Vorhersage von Wahrnehmungen vollzieht sich da erstaunlicher Weise genauso wie bei den Normalsinnigen. Kalender, Uhren und Landkarten sind offenbar nicht verpönt.

Dadurch, dass die Vertreter der Geist-Lehre sich beide Ebenen offen halten, die "duale Sichtweise" und die "non-duale Sichtweise", bekommt man immer wieder zu hören, man habe sie falsch verstanden, und damit geht die Kritik ins Leere:

Es gibt Personen - aber es gibt sie auch wieder nicht,
es gibt Objekte - aber es gibt sie auch wieder nicht,
es gibt personenbezogenes Bewusstsein - aber es gibt es auch wieder nicht,
alles ist hier-und-jetzt - aber es gibt auch gestern und morgen und da und dort.

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Jemand, für den nur das aktuell Erlebte wirklich ist und der diese Position konsequent durchhält, kann weder zu allgemeinen Begriffen noch zu allgemeinen Sätzen gelangen. Nicht umsonst heißt es: "Die lebendige Erkenntnis der eigenen geistigen Wirklichkeit vernichtet jedes denkbare Weltbild."

Wenn nur das aktuell Erlebte zählt, kann man keinen Begriff von "Dauer" entwickeln, die länger währt als die Zeit zwischen zwei Lidschlägen. Außerdem wird man die Einheit eines Objektes in seinen verschiedenen sinnlichen Dimensionen (z. B. groß, schwer, hart, leise, langsam, braun, süß) nicht gedanklich herstellen können, weil man diese Dimensionen meist nicht gleichzeitig hier und jetzt wahrnimmt.

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In auffälligem Gegensatz zu dem Anspruch absoluter Gewissheit für die "lebendige Erkenntnis" und das "faktische wirkliche Erleben" steht das Desinteresse an Fragen der Erklärung und Vorhersage von Wahrnehmungen und deren Überprüfung.

Das für den Menschen charakteristische Problem zielgerichteten Handelns wird nicht thematisiert. Offenbar dominiert nicht eine aktive sondern eine passiv betrachtende Einstellung zur Welt und zum Leben, was durch die Eliminierung der individuellen Akteure (" Du bist Geist" ) verfestigt wird.

Geradezu erschreckend ist jedoch die Absenkung der kritischen Maßstäbe, wenn der Sprung in das lebendige Erleben der Wirklichkeit erst einmal vollzogen ist. Da sind die Wahrheiten reichlich zu finden (" Der Geist ist unsterblich, ewig, göttlich, unendlich tief. Sein Urgrund ist Liebe usw." )

*** 

Was ist mit "Geist" gemeint?

Im Hintergrund steht bei den Vertretern der Geist-Lehre offenbar die traditionelle Unterscheidung von Materie und Geist.

Aus der Sicht der modernen Physik, wo durch eine Atomspaltung Energie freisetzt wird, ist die Unterscheidung zwischen Materie und Geist fragwürdig geworden. So erscheint Licht, das traditionell den Geist verkörperte, physikalisch als eine Abfolge unzähliger Teilchen.

An verschiedenen Formulierungen (" die materielle raum-zeitliche Welt", die Klassifizierung von Positionen als "dualistisch" oder "non-dualistisch" ) wird deutlich, dass sich die Geist-Lehre immer noch aus der Gegenüberstellung von Materie und Geist speist. Auf eine Erläuterung und Analyse dieser Begriffe wird allerdings verzichtet.

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An Stelle von "Geist" wird in der Geist-Lehre auch das Wort "Bewusstsein" verwendet. Was bedeutet "Bewusstsein" in diesem Zusammenhang?

Üblicherweise versteht man unter "Bewusstsein" einen psychischen Wachzustand, in dem man beschreiben kann, was man denkt, fühlt, erinnert oder wahrnimmt. Bewusstsein in diesem Sinne ist also ein psychischer Zustand, in dem man bestimmte Fähigkeiten besitzt.

Bewusstsein ist im üblichen Sprachgebrauch immer an einen Träger gebunden, etwa wenn man sagt: "Er verlor sein Bewusstsein, als er mit dem Auto gegen den Baum fuhr" oder "Nach der Operation kam er schnell wieder zum Bewusstsein und schlug die Augen auf".

Diese psychologische Bedeutung des Wortes "Bewusstsein" wird von den Vertretern der Geist-Lehre jedoch abgelehnt. Sie wollen darunter ein nicht an bestimmte Personen gebundenes Bewusstsein verstanden wissen, eine Art "absolutes Bewusstsein".

Wie jedoch ein Bewusstsein ohne konkreten Träger vorstellbar und feststellbar ist, wird nicht näher erläutert. Dies wird methodisch so begründet, dass man die Worte "Bewusstsein" bzw. "Geist" nicht definieren könne, weil dazu wiederum Gedanken, also Bewusstsein bzw. Geist in Anspruch genommen werden müssten.

Dies Argument ist jedoch nicht stichhaltig, wie bereits die obige Definition von Bewusstsein demonstriert. Eine Definition des Wortes "Bewusstsein" ist ohne weiteres möglich, auch wenn Definieren eine Tätigkeit ist, die nur bei Bewusstsein erfolgen kann. Es muss hier keineswegs zu einer unzulässigen zirkulären Definitionskette kommen.

Das Wort "Bewusstsein" wird in der Geist-Lehre über den Begriff der "Wahrnehmung" eingeführt. Sinneswahrnehmungen sind eine eigene Art von Bewusstseinsinhalten neben Vorstellungen, Träumen, Erinnerungen etc.

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Was bedeutet "Existenz"?

Üblicherweise ist die Sinneswahrnehmung das Kriterium dafür, dass etwas da ist. Dasjenige existiert wirklich, was man entweder direkt sehen, hören, fühlen, schmecken riechen etc. kann oder dessen Wirkungen man wahrnehmen kann.

Wenn ich z. B. einen 5-Euro-Schein sehe (also mit meinen Augen wahrnehme), dann ist das ein Beleg dafür, dass es 5-Euro-Scheine gibt, dass solche Scheine existieren und dass sie Bestandteil der wirklichen Welt sind. (Das Problem von Sinnestäuschungen sei einmal ausgeklammert.)

Hier vollzieht die Alles-ist-Geist-Lehre nun den entscheidenden Bruch mit dem üblichen Verständnis der Welt und dem üblichen Sprachgebrauch indem behauptet wird: "Es gibt keine objektiven Dinge. Sie existieren ausschließlich als Sinneswahrnehmung und sie sind damit nur im Bewusstsein. Die Welt existiert nicht sondern wird erlebt".

Ein Satz wie: "Die Welt existiert nicht" ist offensichtlich keine These unter anderen, denn sie stellt die Grundbegriffe unseres üblichen Weltverständnisses radikal in Frage – um nicht zu sagen: auf den Kopf.

Das erste, was deshalb erforderlich ist, um überhaupt sinnvoll diskutieren zu können, ist die Klärung dieser unüblichen Ausdrucksweise: Was ist mit dem Satz "Die Welt existiert nicht" gemeint und mit welcher Bedeutung werden dabei die Wörter "Welt" und "existiert" verwendet?

Wenn der Stock, mit dem ich geschlagen werde, den ich sehe und fühle, nicht
als von meinem Bewusstsein unabhängiges Objekt existiert, was soll dann der Begriff der objektiven Existenz überhaupt noch beinhalten? Was soll es für einen Sinn haben, über das intersubjektiv übereinstimmende Sehen, Hören und Fühlen hinaus noch weitere Beweise für die Existenz eines Objektes zu verlangen?

Dass etwas sichtbar, hörbar, fühlbar ist, IST das Zeichen seiner Existenz.


Wenn "sehen" bedeutet: "mit den Augen wahrnehmen", dann sehe ich den wirklichen Baum mit meinen Augen und nicht den gesehenen Baum. Ich nehme den wirklichen Baum mit meinen Sinnen wahr und nicht den Sinneseindruck dieses Baumes.

Wenn trotz radikaler Umdeutungen Begriffe wie "existieren" oder dessen Synonyme ("ist da", "ist gegeben", "ist vorhanden", "es gibt" etc.) ohne Erläuterung verwendet werden, dann erzeugt dies eine begriffliche Verwirrung, aus der man sich nur schwer befreien kann.

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Zur Bedeutung von Ist-Sätzen

Was bedeutet das Wort "ist" in dem Satz "Alles ist Geist" ?

Dies harmlose kleine Wörtchen "ist", das uns ständig über den Weg läuft und das wir gut zu kennen meinen, wirft ebenfalls Verständnisprobleme auf.

Sehen wir uns einige Sätze mit "ist" an:
- "Ein Automobil ist ein Fahrzeug mit mehr als 2 Rädern und einem Motor zur Fortbewegung."
        (Hier zeigt das Wort "ist" eine Begriffsbestimmung an. Dies ist offenbar nicht gemeint.)

- "Der Berg ist mehr als 1000 m hoch".
    (Hier dient das Wort "ist" dazu, einem Objekt ein Merkmal zuzuordnen. Dies könnte auch bei dem Satz "Alles ist Geist" der Fall sein. Dann müsste allerdings "Geist" so definiert sein, dass man durch eine Untersuchung feststellen kann, ob es sich um "Geist" handelt oder nicht, so wie man bei dem Satz "Dies ist Salz" durch eine Kostprobe feststellen kann, ob es so ist. Dies ist jedoch nicht möglich, da der Satz keinen empirischen Gehalt hat.)

- "Dieser Tisch ist ein Möbelstück."
    (Hier ist "Möbelstück" der Oberbegriff zu "Tisch".)

- "Dieser Tisch ist (aus) Holz".
    (Hier ist "Holz" der Stoff, aus dem der Tisch gefertigt ist.)

- "Der Mörder des Geldboten ist auch der Mörder der Verkäuferin."
    (Hier wird durch das Wort "ist" eine Identität ausgedrückt.)

Es hat es den Anschein, dass der Satz "Alles ist Geist" eine Identität zwischen "Welt" und "Geist" ausdrücken soll. Die Frage ist, wie man eine solche Identität nachweisen kann.

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"Alles ist Geist" als Identitätsbehauptung

Fragen wir, wie die These "Alles ist Geist (im Sinne einer Identität)" innerhalb der Geist-Lehre begründet wird.

Ausgangspunkt für die Begründung dieser These sind Sätze wie: "Die Welt erscheint immer nur als wahrgenommene Welt" und "Die objektiven Dinge 'existieren' ausschließlich als Wahrnehmung, als Komplex von Sinneseindrücken." Oder es werden Suggestivfragen gestellt wie "Hast Du je eine andere Welt erfahren als eine wahrgenommene Welt?" Es wird gesagt: Da uns die Welt nur über unsere Wahrnehmungen gegeben ist, kennen wir genau genommen nur unsere Wahrnehmungen der Welt, kennen wir nur eine wahrgenommene Welt.

Wie bereits oben gezeigt wurde, nehme ich jedoch keine wahrgenommene Welt sinnlich wahr, sondern ich nehme die tatsächliche Welt wahr. Ich sehe keinen gesehenen Baum sondern ich sehe den wirklichen Baum.

Genauso wenig, wie alles Erkannte zu Sprache wird, weil man Erkenntnisse nur sprachlich formulieren kann, genauso wenig wird alles Wirkliche zu Sinneswahrnehmung, weil man das Wirkliche nur über Sinneswahrnehmungen erfassen kann.

Es handelt sich hier also um keinen logischen Schluss.

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Die Eliminierung des Diskussionspartners

Gelegentlich stößt man in der Diskussion auch auf Argumente wie dieses: "Was du da sagst, sind für mich wiederum nur Inhalte meines Bewusstseins, auch du bist für mich nicht ein unabhängig von meinem Bewusstsein existierendes Wesen". Der Non-Dualist sagt zu mir: "Du existierst nicht" : Paradefall eines performatorischen Widerspruchs.

Mit einer solchen Argumentation, die meine Existenz als selbständige Person bestreitet, wird jedoch die Grundlage der Diskussion ausgehebelt. Damit wird jedes Streben nach allgemein gültigen und damit intersubjektiv nachvollziehbar begründeten Erkenntnissen zur Farce.

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Einzelne Kritikpunkte

Es macht keinen Sinn, jenseits der Wahrnehmbarkeit durch die Sinnesorgane noch weitere Belege für die  Existenz von Gegenständen zu verlangen. Diese kann es, so wie der Begriff "(faktische) Existenz" üblicherweise verwendet wird, gar nicht geben - und sie sind auch nicht erforderlich.

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Die Gleichsetzung von Wahrnehmung, Bewusstsein und Geist ist nicht unproblematisch. So ist es wohl kaum zu bestreiten, dass auch Tiere sehen und hören. Hunde sind z. B. mit ähnlichen Sinnesorganen ausgestattet wie Menschen. Wie hier der Übergang von der Wahrnehmung zu Bewusstsein und Geist vollzogen werden kann, ist eine offene Frage.

Es lässt sich sehr einfach zeigen, dass der Mensch nicht nur Geist ist. Etwa ein Drittel unseres Lebens schlafen wir. Wir sehen auch andere Menschen schlafen, mit geschlossenen Augen und ohne die üblichen Reaktionen des Wachzustands. Wir atmen und leben, gesteuert durch das unwillkürliche vegetative Nervensystem, ohne dass uns dieses bewusst ist. Angeborene, automatische Steuerungsmechanismen (Reflexe, homöostatische Regelkreise, eingewöhnte Routinen etc.) führen uns, auch ohne unser bewusstes Denken. Auch diese Fähigkeiten teilen wir mit den Tieren.

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Die Geist-Lehre baut eine falsche Alternative auf zwischen Wissen auf der einen Seite und Erleben der Wirklichkeit auf der anderen Seite. Beides ist gut miteinander zu vereinbaren. Wenn jemand wissenschaftlich fundierte Antworten sucht, so heißt das ja nicht, dass er ununterbrochen Fragen beantwortet. Die meiste Zeit erlebt er die Welt, ohne dass er sie dabei erforschen muss.

Die Haltung des nüchtern die Dinge betrachtenden Forschers, die z. B. so erstaunliche Leistungen vollbracht hat wie das Verstehen der Vererbung, ist nur die eine Art des Verhältnisses zur Welt.

Daneben – und keineswegs unvereinbar mit der wissenschaftlichen Betrachtung der Welt - gibt es das Erleben der Welt, der Natur, das der Künstler in seinen Werken einfängt und uns vermittelt.

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Es gibt keine unterschiedlichen Stufen der Wahrheit. Wenn es so ist, wie der Satz besagt, dann ist der Satz wahr. Es gibt da keine Steigerung. Eine "erlebte" Wahrheit – was immer das auch sei – ist nicht wahrer als eine durch kontrollierte Beobachtung und logisch-begriffliches Denken gefundene Wahrheit.

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Die unmittelbare Wahrnehmung stellt keinen Königsweg der Erkenntnis dar. Sinneseindrücke müssen ihrerseits interpretiert werden und in theoretischen Aussagen verwendet werden: Die roten Bäckchen eines Kindes können Zeichen strotzender Gesundheit sein, sie können aber auch Zeichen eines lebensgefährlichen Fiebers sein.

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Der Strom der Sinneseindrücke liefert als solcher noch keine Erkenntnis. Wenn ich wissen will, warum ein bestimmter Schmerz mich immer wieder quält, dann muss ich Begriffe und logisch aufgebaute Theorien bilden, dann gehören zur Wirklichkeit Dinge wie Zähne, Entzündungen, Karies, Nerven sowie die regelmäßigen Zusammenhänge zwischen diesen Dingen. Zu deren Erkenntnis sind Theorien nötig.

Diese Dinge und Zusammenhänge sind nicht weniger wirklich als mein gefühlter Schmerz. Ein Weltbild, das keine Dinge und keine empirischen Regelmäßigkeiten enthält, kann keine meiner Fragen beantworten. Erst in Verbindung mit logisch-begrifflichem Denken werden Sinneseindrücke zu Mitteln der Erkenntnis.

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Den Satz: "Der Armreif ist (aus) Gold" kann man durch Untersuchung des Armreifs überprüfen. Er enthält eine Information über die Dinge (hier den Armreif), wie sie für uns sind, wie sie uns erscheinen.

Der Satz: "Das Flugzeug ist Bewusstsein" lässt sich nicht durch Untersuchung des Flugzeugs überprüfen. Er enthält keine Information über die Dinge (hier das Flugzeug), wie sie für uns sind, wie sie uns erscheinen.

Also stellt sich die Frage: Was soll eine solche Aussage?

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Ich denke. Das ist eine geistige Tätigkeit.
Ich laufe. Das ist eine körperliche Aktivität.

Dieser Unterschied bleibt, auch wenn ich nur wissen kann, dass ich laufe, wenn ich bei Bewusstsein bin. Dadurch, dass ich weiß, dass ich laufe, wird das Laufen nicht zu einer geistigen Aktivität und erst recht werden meine Beine dadurch nicht zu etwas Geistigem oder gar zu Geist, was immer das auch heißen mag.

***

Ein Kuriosum der Diskussion am Rande:

Der Vertreter der Alles-ist-Geist-Lehre hatte geschrieben: "ICH ist die einzige unzerstörbare Realität."

Daraufhin hatte ich gefragt, ob das heißen soll, dass ich nicht durch starkes Rauchen an Krebs sterben könne.

Darauf hat er mit der Gegenfrage geantwortet: "ICH kann doch nicht rauchen, oder?"

Ich antwortete: "Ich rauche. Und damit kann ich auch rauchen."  

Dem hielt er die Frage entgegen: "Wer raucht denn? DU (also ICH) oder Dein von Dir (ICH) wahrgenommener Körper?"

Ich antwortete: "Ich rauche. Es wäre nicht richtig zu sagen: 'Mein Körper hat gestern 33 Zigaretten geraucht' ."

(Der Vertreter der Alles-ist-Geist-Lehre brach hier die Diskussion ab.)

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Die Alles-ist-Geist-Lehre will keine Theorie sein. Sie will keine Fragen beantworten. Sie will keine Behauptungen aufstellen. Sie will dort weitermachen, wo das begriffliche Denken und der Verstand nicht anwendbar sind.

Damit entzieht sie sich der rationalen Argumentation. Rationale Argumentation bezieht sich immer auf bestimmte Behauptungen, die mit dem Anspruch auf allgemeine Geltung vertreten werden, und die durch nachvollziehbare Argumente begründet werden.

***

Eine Behauptung ist wahr, wenn es so ist, wie die Behauptung besagt. Wahrheit setzt deshalb immer ein Verhältnis zwischen einem Satz und dem, auf was sich der Satz bezieht, voraus.

Die Geist-Lehre versteht unter "Wahrheit" jedoch "erlebte wahre Wirklichkeit".

Sie beansprucht zu Erkenntnissen zu kommen, die nicht sprachlich formulierbar sind. Damit
wird der Begriff "Erkenntnis", umgemünzt und der wichtige Unterschied zwischen Erkenntnissen und Erlebnissen wird verwischt.

***

Trotz dieser Ablehnung wissenschaftlicher Theoriebildung wird die Lehre wortreich propagiert. Allerdings sollen die gemachten Aussagen nur den Charakter von Metaphern haben, die auf etwas verweisen. Sie stellen nicht die eigentliche "Wahrheit" dar, die nur erlebt werden kann. Damit entziehen sich die gemachten Aussagen wieder jeder rationalen Kritik.

Es ist völlig unklar, was unter diesen Voraussetzungen das Kriterium für die Gültigkeit der vorgetragenen Aussagen sein soll. Auch die Regeln der Logik werden nicht in allen Fällen als maßgebend angesehen. Dadurch wird die Diskussion unvermeidlich zu einem rhetorischen Schaukampf.

***

Die Lehre beansprucht für sich eine besondere Sicht der Welt. Deshalb werden die fundamentalen Begriffe wie "Wirklichkeit", "Existenz", "Wahrnehmung", "Bewusstsein", "Geist", "Person", "Subjekt", "Objekt", "Hypothese", "Gewissheit", "Sein" etc. mit anderen Bedeutungen belegt als allgemein üblich.

Gleichzeitig wird eine explizite Definition dieser Begriffe abgewehrt. Ein Beispiel hierfür ist die Aussage, dass über die Wirklichkeit des Geistes nichts ausgesagt werden kann, weil das Wort "wirklich" nur innerhalb des Geistes etwas bedeutet. Dadurch wird jeglicher Kritik die Möglichkeit zum Ansetzen genommen.

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Ich habe aus den Diskussionen mit den Vertretern der Geist-Lehre einiges gelernt, insbesondere was die Verhexungen der Sprache und durch die Sprache angeht.

Diese kann nur dadurch aufgehoben werden, dass man auf einer Erläuterung und zumindest vorläufigen Definition grundlegender Begriffe besteht und sich davon auch nicht abbringen lässt. Dies ist besonders wichtig, wenn die Begriffe nicht im üblichen Sinne verwendet werden.

Außerdem ist es methodisch wichtig, schleichende Begriffsverschiebungen zu erkennen und zu benennen.

Es ist sinnlos gegen eine Position zu argumentieren, die von sich selber sagt, dass sie sich nicht in Form sprachlicher Behauptungen fassen lässt. Denn nur Behauptungen lassen sich argumentativ begründen oder bestreiten.

***

Siehe auch die folgenden thematisch verwandten Texte in der Ethik-Werkstatt:
   
Fernöstliche Lehren ** (33 K)
   
 

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Letzte Bearbeitung 10.08.2007 / Eberhard Wesche

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